Insolvenzverfahren der Reno Schuh GmbH
Insolvenzverfahren über das Vermögen der Reno Schuh GmbH
Reno Schuh GmbH, AG Hameln, 36 IN 20/23 -4-
Reno Schuhcentrum GmbH, AG Hameln, 36 IN 17/23 -4-
Bei dem Unternehmen „Reno“ handelte es sich um den zweitgrößten Schuheinzelhändler Deutschlands mit ehemals mehr als 480 Filialen in Deutschland, der Schweiz und Österreich sowie ehemals sogar über 2.500 Mitarbeiter. Das Unternehmen Reno bestand aus den beiden Gesellschaften der Reno Schuh GmbH und der Reno Schuhcentrum GmbH. Bei der Reno Schuhcentrum GmbH waren aus der Vergangenheit noch ein paar Mietverträge über Filialen und die Geschäftsführung beschäftigt. Der tatsächliche Geschäftsbetrieb des Schuheinzelhandels lag bei der Reno Schuh GmbH. Dort waren auch sämtliche Arbeitnehmer beschäftigt.
Zum Zeitpunkt der Beauftragung von Dr. Hamer von Valtier als Sachverständiger und vorläufiger Insolvenzverwalter Ende März 2023 hatte das Unternehmen „Reno“ schon eine längere Phase des wirtschaftlichen Niedergangs hinter sich. Das im Jahr 1977 in Pirmasens von zwei Privatpersoenen gegründete hatte zunächst eine dynamische Geschäftsentwicklung. Entsprechend wuchs das Stammkapital der Gesellschaft auf zuletzt 42.500.000,00 EUR.
Kurz vor der Jahrtausendwende zogen sich die beiden Unternehmensgründer zurück und verkauften das Unternehmen an den Handelskonzern Metro. Metro sanierte den Schuhfilialisten mit seinen 850 Filialen von Grund auf, verlagerte ihn gemeinsam mit der Deutschen Bank AG in die Beteiligungsgesellschaft Divaco und verkaufte ihn im Jahr 2000 an das Schuhhandelsunternehmen Hamm aus Osnabrück sowie an den ehemaligen Metro Manager und Divaco-Vorstand Siegfried Kaske. 2005 bündelten die Unternehmensgruppen Hamm und Reno ihre Aktivitäten in der HR Group. Schon im Rahmen dieses Gesamtkonzerns verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage des Schuheinzelhändlers erheblich und reduzierten sich sowohl die Anzahl der Filialen wie auch die Mitarbeiter um etwa 1/3. Im April 2016 wurde die HR Group mehrheitlich durch die Investment-Gesellschaft Capiton aus Berlin übernommen.
Mit Kaufvertrag vom 28.09.2022 veräußerte die HR Group mit Wirkung zum 01.10.2022 das Unternehmen Reno mit noch 276 Filialen in Deutschland, der Schweiz und Österreich sowie über 1.400 Mitarbeitern für den symbolischen Betrag von 1,00 EUR an eine erst kurz zuvor neu gegründete Gesellschaft (cm.sports GmbH) mit Sitz im Raum Hameln. Während sämtliche Mitarbeiter und Filialen an die Käuferin übergingen, veräußerte die HR Group zugleich das gesamte Vorratsvermögen an vorhandenen Schuhen im Wert von rund 42 Mio EUR zum Preis von 15 Mio EUR an die Tochtergesellschaft einer amerikanische PrivatEquity-Gesellschaft mit Sitz in den Niederlanden (GA Europe Coöpertiief U.A.).
Sodann führte die GA Europe Coöpertiief U.A. über knapp 3 Monate einen Abverkauf der Waren über das Filialnetz und mit den Mitarbeitern der Insolvenzschuldnerin durch. Nach diesem Abverkauf übergab die GA Europe Coöpertiief U.A. der Reno Schuh GmbH die leeren Filialen zurück. Mit Beschlüssen von Ende März 2023 wurde Rechtsanwalt Dr. Immo Hamer v. Valtier zum Sachverständigen und vorläufigen Insolvenzverwalter über das Vermögen der Reno Schuh GmbH und über das Vermögen der Reno Schuhcentrum GmbH (Muttergesellschaft der Reno Schuh GmbH) bestellt. Zum Zeitpunkt der Bestellung waren zahlreiche Filialen bereits aufgrund nicht gezahlter Stromrechnungen geschlossen und wurden täglich für weitere 10 bis 20 Filialen eine Stromlieferung eingestellt. Zahlreiche Mitarbeiter konnten deshalb schon nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen – ohne aber gekündigt worden zu sein. Andererseits bestanden zahlreiche arbeitsrechtliche Verfahren wegen nicht gezahlter Lohn- und Gehaltsforderungen aus dem Kreis der Mitarbeiter.
Ein ähnliches Bild zeigte sich bei den Vermietern des Filialnetzes. Auch hier bestanden zum Teil offene Mieten seit Frühjahr 2022, sind jedoch flächendeckend Mieten seit Dezember 2022 offengeblieben. Zum Zeitpunkt der Bestellung als vorläufiger Insolvenzverwalter bestanden offene Mietzinsverbindlichkeiten in Höhe von knapp 12 Mio. EUR. Die Geschäftsführung hatte zum Zeitpunkt der Insolvenzantragstellung weder eine Übersicht über ihre offenen Verbindlichkeiten, noch über die bestehenden oder gekündigten Arbeitsverhältnisse. Die Geschäftsführung verfügte nicht einmal über eine Übersicht über das bestehende Filialnetz und den Status jeder einzelnen Filiale.
Die laufende Finanz-, Lohn- und Anlagenbuchhaltung, die gesamte Betreuung der Arbeitnehmer, der Logistik und des Zahlungsverkehrs der beiden Insolvenzschuldnerinnen erfolgte durch die HR Group. Dafür hatte die HR Group mit der Reno Schuh GmbH und der Reno Schuhcentrum GmbH ein Service Level Agreement (SLA) geschlossen. Für diese Dienstleistung erhielt die HR Group eine monatliche Vergütung in Höhe von 574.750,00 EUR zzgl. USt..
Zum Zeitpunkt der Insolvenzantragstellung Ende März 2023 verfügten die Filialen nur über rund 20 % ihres gewöhnlichen Sortiments. Schon aufgrund dieses niedrigen Schuhbestandes konnten die Filialen nicht kostendeckend betrieben werden. Trotz dieser katastrophalen Ausgangsbedingungen vermochte Dr. Hamer v. Valtier noch in der vorläufigen Verwaltung kurzfristig Warenbestände zu beschaffen und damit zumindest den Schuhbestand der Filialen zu erhöhen. Gleichzeitig wurde in der vorläufigen Verwaltung ein Überblick über die tatsächlichen wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse geschaffen. Am 01.06.2023 wurde das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Reno Schuh GmbH und über das Vermögen der Reno Schuhcentrum GmbH eröffnet und in beiden Verfahren RA Dr. Immo Hamer v. Valtier zum Insolvenzverwalter bestellt.
Im Rahmen eines noch im vorläufigen Insolvenzverfahren durchgeführten Investorenprozesses konnte am 01.06.2023 sogar noch ein Teil des Geschäftsbetriebs an die Kienast-Gruppe aus der Wedemark bei Hannover übertragend saniert werden. Sämtliche Filialen und Arbeitsverhältnisse, die nicht durch die Kienast Gruppe übernommen wurde, mussten an die jeweiligen Vermieter zurückgegeben bzw. die Vertragsverhältnisse beendet werden. Allein die Rückgabe des Filialnetzes und die zahlreichen arbeitsgerichtlichen Verfahren beschäftigten die Kanzlei der InsoTreu über Monate hinweg. Die beiden Verfahren im Gesamtverfahren Reno zeichnen sich durch zahlreiche deliktische Handlungen und Verschiebung von Geldern in erheblicher Größenordnung aus. Entsprechend konzentriert sich die Tätigkeit aktuell auf die Geltendmachung von Sonderaktiva.
Besonders problematisch erwies sich in diesem Verfahren auch die Beschaffung der erforderlichen Informationen und Daten der Finanzbuchhaltung, weil sich die HR Group zunächst weigerte, diese herauszugeben. Erst Anfang 2026 konnte schließlich eine Einigung mit der Insolvenzverwaltung über das Vermögen der HR Group erzielt werden. Das Verfahren Reno ist bis heute nicht beendet und wird infolge der zahlreich geltend zu machenden Haftungs- und Anfechtungsansprüche noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Wann in diesen beiden Verfahren mit Verfahrensabschlüssen zu rechnen ist, ist derzeit nicht absehbar.









